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Danke, dass du dein Kind gewickelt hast.
Über das Dankeschön, das wir nie hätten sagen müssen und was es über unser System verrät.
Es passiert mir immer wieder. Mein Partner wickelt den Kleinen, wärmt das Fläschchen vor oder macht die Übergabe mit der Nanny und ich höre mich sagen: „Danke."
Danke. Ich meine es ernst. Ich empfinde es sogar. Echte Dankbarkeit, dass er sich gekümmert hat, dass ich in der Zeit Sport machen konnte, dass er da war. Und trotzdem: Jedes Mal, wenn ich dieses Wort sage, folgt ein zweiter Gedanke auf dem Fuß. Ein leises, aber unüberhörbares: Das ist doch Quatsch. Weil er sich nicht bedankt. Nicht dafür, dass ich das Fläschchen sauber gemacht habe. Nicht dafür, dass ich die Gläschen nachgekauft habe, als sie leer waren. Nicht dafür, dass ich ans Mittagessen gedacht habe, die Nanny-Übergabe koordiniert, die Wäsche gewaschen, das Kind umgezogen habe. Das passiert einfach. Das macht Frau. Und wenn er es macht, alle zwei, drei Tage mal, von alleine, dann ist das offenbar eine bemerkenswerte Tat. Eine, für die man sich bedankt. Was das Dankeschön verrät Das kleine Wort „Danke" ist ein Spiegel. Es zeigt, wessen Aufgabe etwas eigentlich ist. Man bedankt sich für Dinge, die man nicht erwartet. Für Gefälligkeiten. Für Ausnahmen. Wenn ich mich dafür bedanke, dass mein Partner das Kind gewickelt hat, sage ich implizit: Das ist nicht selbstverständlich von dir. Das war extra. Und genau das ist das Problem. Nicht das Dankeschön selbst. Sondern was dahinter steckt: eine unsichtbare, internalisierte Erwartungshaltung, die bestimmt, wessen Job das Elternsein eigentlich ist. Das ist kein individuelles Versagen. Das ist Mental Load. Die Zahlen, die niemanden überraschen und trotzdem schockieren Eine repräsentative Studie der hkk Krankenkasse gemeinsam mit forsa, die 2025 mit über 1.500 Elternteilen durchgeführt wurde, bestätigt das Gefühl mit Daten: Mütter organisieren zu 90 Prozent die Arzttermine, zu 89 Prozent die Kindergeburtstage, zu 81 Prozent die Wäsche. Das ist nicht Hilfe im Haushalt. Das ist die gesamte Betriebsführung einer Familie. Mental-Load-Expertin und Bestsellerautorin Patricia Cammarata erklärt das so: „Frauen lernen von klein auf, für andere da zu sein. Sozialisation führt dazu, dass Frauen meist mehr Verantwortung für Familie und Organisation übernehmen." Und das WSI-Institut der Hans-Böckler-Stiftung ergänzt in einem Report von 2023, dass Mental Load selbst dann ungleich zuungunsten von Frauen verteilt ist, wenn diese in Vollzeit arbeiten. Es ist also keine Frage der Zeit, die man hat. Es ist eine Frage davon, wer als zuständig gilt. Frauen wenden in Deutschland täglich im Schnitt 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. In der sogenannten „Rush Hour des Lebens" – also genau da, wo wir gerade stehen, mit Babys und frischen Businesses – leisten Frauen durchschnittlich 5 Stunden und 18 Minuten Care-Arbeit täglich. Männer: 2 Stunden und 31 Minuten. Und trotzdem bedanken wir uns. Wir. Nicht sie. Die Retraditionalisierungsfalle Was viele nicht wissen: Selbst Paare, die vorher eine gleichberechtigte Beziehung geführt haben, rutschen nach der Geburt eines Kindes häufig in traditionelle Rollen – oft ohne es zu merken, oft ohne es so gewollt zu haben. Soziologin Prof. Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin nennt das „Retraditionalisierung". Der Mechanismus ist einfach: Wer zuerst zuhause ist – meistens die Mutter, durch Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit – übernimmt die Abläufe. Lernt die Routinen. Wird zur Expertin. Und wer die Expertin ist, macht es „besser". Und wer es besser macht, macht es öfter. Und wer es öfter macht, macht es irgendwann alleine. Der Vater zieht sich nicht böswillig zurück. Er hat nur – noch bevor irgendjemand darüber gesprochen hat – einen Schritt weniger gemacht als nötig gewesen wäre. Und das hat sich verfestigt. Das Ergebnis: Sie managt. Er hilft. Und sie bedankt sich dafür. Warum das auch uns als Selbstständige besonders trifft Für uns als selbstständige Mütter kommt noch eine Schicht dazu. Wir haben keine klassische Elternzeit. Kein automatisches „Jetzt bist du zuhause"-Signal. Wir arbeiten parallel. Wir müssen parallel arbeiten – finanziell, weil wir sonst alles aufgeben müssten, was wir aufgebaut haben. Und trotzdem landen die Gläschen-Bestellungen, die Nanny-Übergaben, die Kita-Listen und die Arzttermine bei uns. Nicht weil wir das so entschieden haben. Sondern weil es einfach so passiert ist. Weil es irgendwie selbstverständlich wurde. Und wenn er mal einen dieser Punkte übernimmt, empfinden wir Erleichterung. Und Dankbarkeit. Echte, ehrliche Dankbarkeit – weil wir wissen, dass wir sonst diejenigen gewesen wären. Genau das ist backwards. Nicht unsere Dankbarkeit. Sondern das System, das sie erzeugt. Was stattdessen? Keine einfache Antwort. Aber ein Anfang: das Muster benennen. Nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Bestandsaufnahme. Mental-Load-Expertin Cammarata empfiehlt, ganze Aufgabenpakete zu übergeben – nicht einzelne Handgriffe. Nicht „kannst du heute Abend das Fläschchen machen?", sondern: „Die Abendschiene gehört dir. Komplett. Ich bin nicht ansprechbar." Und vielleicht: das Dankeschön trotzdem sagen – aber wissen, warum man es sagt. Nicht weil er Ausserordentliches geleistet hat. Sondern weil man gerade dabei ist, etwas Eingefahrenes umzubauen. Und das ist tatsächlich etwas, wofür man dankbar sein kann. Deswegen gibt es den Ungesund Close Club. Nicht um Antworten zu liefern. Sondern weil manche Fragen sich erst stellen lassen, wenn man weiß, dass andere Frauen sie auch haben. „Bedankst du dich auch?" ist so eine Frage. Und die Antwort, die ich in meinem Kopf höre, wenn ich sie stelle, ist: Ja. Meistens. Und ich weiß auch warum. Und ich finde es trotzdem Quatsch.
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Ich will alles. Ich will nichts. Und beides gleichzeitig.
Über die Erschöpfung, nicht zu wissen, was man will und warum das vielleicht nicht an uns liegt.
Es gibt diesen Moment, der mich gerade regelmäßig einholt. Ich sitze mit dem Kleinen auf dem Arm, er schläft, alles ist ruhig und ich denke gleichzeitig: Ich will hier sein. Ich will weg. Ich will das nie missen. Ich will endlich wieder ich sein. Alles auf einmal. Und keins davon richtig.
Ich will Vollzeit-Karriere. Und ich will Vollzeit-Mama sein. Ich will mich nicht aufgeben und ihn nicht in fremde Hände geben. Ich will meine Beziehung nicht verlieren und trotzdem Freiraum, der wirklich meiner ist: Sport, Freundinnen, ein Nachmittag, an dem niemand etwas von mir will.
Ich will am Wochenende mit der Familie sein und gleichzeitig kein schlechtes Gewissen haben, dass ich die ganze Woche schon mit ihm war und jetzt eigentlich keine Lust habe, nochmal die Hauptverantwortliche zu sein. Ich will mehrere Kinder und weiß gleichzeitig nicht, wie das bei einer Selbstständigkeit, bei der man immer online und immer verfügbar sein muss, überhaupt funktionieren soll. Verfügbar. Für wen eigentlich? Kunden. Partner. Familie. Freunde. Kind. Und irgendwo ganz am Ende der Liste: mich. Das ist kein Charakterfehler Ich habe lange gedacht, das ist ein persönliches Problem. Dass ich zu viel will. Zu wenig entscheiden kann. Nicht dankbar genug bin für das, was ich habe. Aber je mehr ich mit anderen Frauen in unserer Situation spreche, desto klarer wird: Das ist kein individuelles Versagen. Das ist die logische Reaktion auf ein System, das uns in eine Lage gebracht hat, aus der es keinen sauberen Ausweg gibt. Die Zahlen bestätigen das Gefühl: Fast jede fünfte Frau gibt an, ihre beruflichen Ziele durch die Geburt von Kindern verändert zu haben – vor allem, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Bei Männern sind es nur rund 11 Prozent. Und Mütter verdienen auch zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger als vor der Geburt. Wir zahlen einen Preis, den unsere Partner nicht zahlen. Und gleichzeitig sollen wir wissen, was wir wollen. Die Falle heißt: Alles ist möglich Unsere Generation ist die erste, der wirklich gesagt wurde: Du kannst alles haben. Karriere und Familie. Unabhängigkeit und Bindung. Selbstverwirklichung und Mutterschaft. Was dabei vergessen wurde: Alles haben bedeutet auch, für alles verantwortlich zu sein. Und keine der Optionen wirklich vollständig leben zu können. Die Zukunftsstudie Vereinbarkeit 2025 zeigt: Über die Hälfte der Mütter fühlen sich stark mental belastet. Diese Belastung wirkt sich negativ auf Gesundheit, persönliche Zufriedenheit und die Partnerschaft aus. Das klingt nach Statistik. Aber es ist unser Alltag. Wir sind die Generation, die gleichzeitig Unternehmerin und Mutter sein soll, die keine Elternzeit kennt, die zwischen Kundencall und Fläschchen wechselt, die sich erklärt, entschuldigt, optimiert. Die sich fragt, ob sie genug arbeitet und gleichzeitig genug präsent ist. Die nie wirklich abschalten kann – weder im Beruf noch zuhause. Warum Selbstständige das noch anders spüren Für uns als Soloselbstständige gibt es keinen Chef, der sagt: Nimm dir frei. Kein Unternehmen, das Elternzeitregelungen hat. Keine Kollegin, die einspringt. Wir sind das System und das System hat keine Pause-Taste. Nur 40 Prozent der Mütter, deren jüngstes Kind im Krippenalter unter drei Jahren ist, sind überhaupt berufstätig. Wir gehören zu den anderen 60 Prozent, die es trotzdem versuchen. Nicht weil wir müssen ,sondern weil wir nicht aufhören wollen. Weil unser Business nicht nur ein Job ist, sondern ein Teil von uns. Und genau das macht es so schwer. Man kann nicht einfach auf Pause drücken, wenn man das, was man tut, liebt. Und man kann nicht einfach weitermachen, wenn man gerade jemanden liebt, der jede Sekunde Aufmerksamkeit braucht. Die Frage, die niemand stellt Alle fragen: Wie schaffst du das? Niemand fragt: Auf wessen Kosten schaffst du das? In den meisten Fällen lautet die ehrliche Antwort: auf meine eigenen. Schlaf. Gesundheit. Freundschaften. Hobbys. Das eigene Ich, das vor dem Kind noch eine bestimmte Form hatte und jetzt gerade sucht, wie es wieder Platz findet. Das ist kein Drama. Aber es ist etwas, das ausgesprochen werden darf. Wo macht man die ersten Einbußen? Ich weiß es nicht. Ich glaube, es gibt keine richtige Antwort – nur die eigene. Was ich weiß: Die Frage nach den Einbußen setzt voraus, dass man weiß, was man am meisten schützen will. Und das herausfinden – wirklich herausfinden, nicht was man finden sollte oder was klingt, wie man es sagen würde – das ist vielleicht die eigentliche Arbeit gerade. Nicht: Wie kriege ich alles hin? Sondern: Was brauche ich wirklich? Und vielleicht ist die mutigste Sache, die wir gerade tun können, diese Frage ehrlich zu stellen. Ohne Antwort. Ohne Lösung. Einfach laut, in einem Raum mit Frauen, denen es genauso geht. Genau dafür sind wir hier.
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Die Welt brennt. Wer löscht?
Ein Essay ueber Fürsorge, Macht und die Frage, welche Systeme uns wirklich tragen.
Während ich das schreibe, sind laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz weltweit rund 130 bewaffnete Konflikte aktiv. Der Ukraine-Krieg geht ins vierte Jahr. Gaza. Sudan. Kongo. Myanmar. Haiti. Die Zahlen sind abstrakt, bis sie es nicht mehr sind: 831 Millionen Menschen – 16 Prozent der Weltbevoelkerung – waren 2025 direkt von Gewalt betroffen. 56.000 Gewalttaten richteten sich allein gegen Zivilisten. Ich bin Mutter eines Babys. Ich führe ein Business. Und ich frage mich jeden Tag: In was für einer Welt wächst mein Kind auf? Was die Natur uns zeigt und was nicht Die amerikanische Bloggerin und Autorin Gabrielle Blair, bekannt als @designmom, hat kürzlich einen vieldiskutierten Essay veroeffentlicht, in dem sie Beispiele aus der Tierwelt nutzt, um über Macht und Fürsorge nachzudenken. Ein Gedanke dabei hat mich nicht losgelassen – nicht weil ich allem zustimme, sondern weil er etwas Wahres berührt. In vielen Tiergemeinschaften sind es die Weibchen, die die Kontinuität sichern. Elefantenherden werden von älteren Weibchen geführt, die über Jahrzehnte Wissen über Wasserstellen, Wanderrouten und soziale Bindungen gesammelt haben. Weibliche Orcas leben Jahrzehnte länger als die männlichen – sie sind die Gedächtnis-Trägerinnen ihrer Gruppe, die Lehrenden, die das Überleben der nächsten Generation sichern. In Bienenkolonien ist die gesamte Infrastruktur der Gemeinschaft auf Fürsorge, Kooperation und langfristiges Denken ausgerichtet. Die der weiblichen Bienen. Das ist kein Argument dafür, Menschen mit Tieren gleichzusetzen. Wir sind komplexer, widerspruchlicher, freier. Aber es ist eine Einladung zur Frage: Welche Qualitäten bauen eigentlich Gemeinschaften auf? Und welche zerstören sie? Ein System, das auf Dominanz baut und was das kostet Die Schlagzeilen von 2026 lesen sich wie eine Antwort. Vier Jahre Ukraine-Krieg. Hunderttausende Tote. Ganze Generationen, die nichts anderes kennen als Konflikt. Das IKRK warnt: "Wenn das, was wir in Gaza, im Kongo, im Sudan und in der Ukraine sehen, die Zukunft des Krieges ist, sollten wir alle aeuszerst besorgt sein." Kriege werden nicht von Gemeinschaften geführt, die auf Verbindung aufgebaut sind. Sie werden geführt von Systemen, die Hierarchie, Kontrolle und Dominanz über Kooperation stellen. Das ist keine Aussage über Männer als Menschen – das ist eine Aussage über ein Modell von Macht, das sich über Jahrhunderte durchgesetzt hat und das wir alle, Frauen wie Männer, internalisiert haben. Ein System, das Fürsorge als Schwäche definiert. Das unbezahlte Care-Arbeit unsichtbar macht. Das Krieg als Lösung akzeptiert und Diplomatie als Zeichen von Schwäche behandelt. Was wir täglich stemmen und warum das politisch ist Zurück zu uns. Zu dir, die du das hier liest. Du führst ein Business. Du stillst vielleicht noch, oder du bist gerade dabei, dich vom Wochenbett zu erholen und gleichzeitig Rechnungen zu schreiben. Du zahlst private Krankenversicherung, Vorsorge, Steuervorauszahlungen und bekommst im Gegenzug: wenig.
Sorry, habe ich geschrieben wenig? Ich meinte nichts.
Kein bezahltes Elterngeld, das deine Selbstständigkeit wirklich auffängt. Keine Strukturen, die deine Arbeit als das anerkennen, was sie ist: systemrelevant. Das ist kein persönliches Versagen. Das ist das Ergebnis eines Systems, das Fürsorge seit Generationen nicht eingepreist hat. Denn was wäre, wenn Fürsorge – für Kinder, für Gemeinschaften, für die Zukunft – als das behandelt würde, was sie ist? Als die eigentliche Grundlage, auf der alles andere aufbaut? Das Village, das wir selbst bauen "It takes a village to raise a child." Ja. Und das Village gibt es nicht mehr – zumindest nicht in der Form, die unsere Grossmütter noch kannten. Wir haben uns Unabhängigkeit erkämpft, sind weggezogen, haben studiert, gegründet. Und stehen jetzt mit Baby auf dem Arm, Laptop auf dem Tisch und der Frage: Wo ist meine Gemeinschaft? Die Antwort, die wir mit dem Ungesund Close Club versuchen zu geben, ist keine große politische Geste. Es ist eine kleine, radikale Handlung: Wir bauen uns ein neues Village. Eines, das auf Verbindung statt auf Konkurrenz beruht. Auf echtem Austausch statt auf Perfektion. Auf der Überzeugung, dass Frauen, die sich gegenseitig stärken, etwas verändern – in ihrem eigenen Leben, in ihren Businesses, und vielleicht, ganz langsam, auch in der Welt da draußen. Denn die Alternative – jede für sich, alleine durchhalten, Schwäche verstecken – die kennen wir schon. Die funktioniert nicht. Nicht für uns. Und, wenn man ehrlich ist, auch nicht für die Welt.